SCCON 2026: Die KI-Frage ist beantwortet. Jetzt wird es eine Frage von Architektur, Recht und Betrieb
Laut Veranstalter mehr als 23.000 Teilnehmende, über 600 Aussteller und zum ersten Mal drei ausgebuchte Hallen: Die Smart Country Convention 2026 war größer denn je. Unsere Kolleg:innen Matthias Böhm und Susanne Wagner waren vor Ort, in Vorträgen und in vielen Gesprächen. Statt eines Messe-Rückblicks teilen wir hier, was wir als Beratungshaus für die Digitalisierung von Förderverfahren daraus mitnehmen und was das für laufende und kommende Projekte bedeutet.
Die Stimmung: Vom Ob zum Wie
Die Grundstimmung war Aufbruch, aber ein nüchterner. Dass KI in die Verwaltung gehört, stellt kaum noch jemand infrage. Die Diskussionen drehten sich darum, wie man Prototypen in den produktiven Betrieb bringt und erste Erfolge in die Breite skaliert.
Auch die Akzeptanz ist kein Engpass mehr. Laut einer Bitkom-Umfrage zur SCCON wünschen sich 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, dass KI bei der Bearbeitung ihrer Anträge eingesetzt wird (Vorjahr: 63 Prozent). Nur noch 26 Prozent lehnen jeden KI-Einsatz ab. Die meisten wollen KI als Prüf- oder Kontrollinstanz, aber mit einem Menschen, der am Ende entscheidet. Nur 12 Prozent würden die Entscheidung komplett einer KI überlassen.
Unsere Einordnung: Der Engpass hat sich verschoben. Er liegt nicht mehr bei Akzeptanz oder Technologie, sondern bei Betriebsfähigkeit, Nachvollziehbarkeit und Rechtsgrundlagen.
Förderwesen: Der Paradefall für KI in Fachverfahren
Auffällig viele Lösungen zielten darauf, Mitarbeitende bei der Bewirtschaftung von Fördermitteln zu entlasten. Das ist kein Zufall. Förderverfahren sind regelbasiert, dokumentenlastig und personalintensiv, besonders bei Vollständigkeitsprüfung, Belegprüfung und Verwendungsnachweis.
Aus unserer Projektpraxis sehen wir drei Punkte, die oft zu kurz kommen:
- Assistenz und Entscheidung sauber trennen. Vorprüfung, Plausibilisierung und Bescheidentwürfe durch KI sind realistisch. Die Bewilligungsentscheidung bleibt beim Menschen. Diese Trennung muss im Prozess, in der Oberfläche und im Protokoll sichtbar sein.
- Die Regulierung kommt sicher, nur später. Mit dem Digital Omnibus wurden die Hochrisiko-Pflichten des AI Act nach Anhang III auf den 2. Dezember 2027 verschoben. KI-Systeme, die über den Zugang zu öffentlichen Leistungen mitentscheiden, können je nach Ausgestaltung darunter fallen. Wer jetzt Architektur, Logging und Dokumentation mitdenkt, spart sich später ein teures Nachrüsten.
- Die Datenqualität entscheidet. KI im Fachverfahren ist nur so gut wie die strukturierten Daten aus Antrag und Vorgangsbearbeitung. Medienbrüche im Antragsprozess sind deshalb heute die größte Bremse für KI-Szenarien.
Digitale Souveränität wird zur Architektur- und Vergabefrage
Die Fragen nach Datenspeicherung und Datenverarbeitung bei KI tauchten in fast jedem Gespräch auf. Gleichzeitig war der Wunsch deutlich spürbar, unabhängiger von den großen US-Anbietern zu werden.
Politisch hat das inzwischen einen klaren Rahmen: Der IT-Planungsrat hat im März 2026 Beschlüsse zur Deutschland-Architektur und zum Deutschland-Stack gefasst, der Bund plant eine Verordnung dazu. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger hat als Teil der Anwendungsschicht ausdrücklich auch eine eigene KI-Plattform für die Verwaltung genannt.
Was das für Projekte bedeutet: Souveränität wird zu einem konkreten Kriterium in Architekturentscheidungen und Ausschreibungen. Zu erwarten sind Fragen nach Betriebsort, offenen Schnittstellen, Standards und vor allem nach Austauschbarkeit. Für gewachsene Landschaften, auch im SAP-Umfeld, wird die saubere Kapselung von Fachlogik, Schnittstellen und KI-Komponenten zur strategischen Aufgabe.
Once-Only scheitert selten an der Technik
Besonders aufschlussreich war das Panel „Sozialversicherung Digital? Ein Blick hinter die Kulissen!“. Dort diskutierten Vertreter:innen der Bundesagentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung Bund, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und des GKV-Spitzenverbands, moderiert von der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung (GVG). Deutlich wurde: Die Zusammenarbeit zwischen den Trägern wird durch gesetzliche Vorgaben und erschwerten Datenaustausch ausgebremst. Diskutiert wurden eine einheitliche Identifikationsnummer und perspektivisch eine trägerübergreifende elektronische Akte.
Der Hintergrund: Die Identifikationsnummer darf bisher nur eingeschränkt genutzt werden, im Wesentlichen für OZG-Leistungen oder mit ausdrücklicher gesetzlicher Grundlage. Die Sozialversicherungsträger fordern deshalb, sie als bereichsübergreifendes Ordnungsmerkmal nutzen zu dürfen. Dass es technisch funktioniert, zeigt ein Pilot von Bundesverwaltungsamt und Bundesagentur für Arbeit zum automatisierten Abruf von Identitätsdaten.
Unsere Lehre für Projekte: Bei registerbasierten Vorhaben liegt die Rechtsgrundlage auf dem kritischen Pfad, nicht die Technik. Wer Once-Only plant, muss Fachlichkeit, Recht und IT von Anfang an gemeinsam aufsetzen. Die Nachfrage ist da: 62 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sprechen sich laut Bitkom für mehr Datenaustausch zwischen Behörden aus.
What’s next: Fünf Handlungsfelder für die nächsten zwölf Monate
- KI-Inventur jetzt starten. Die Verschiebung der Hochrisiko-Pflichten ist ein Zeitfenster, kein Aufschub.
- Human-in-the-Loop als Produktmerkmal gestalten. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger will genau dieses Modell.
- Souveränitätskriterien in Architektur und Vergabe verankern, inklusive Exit-Strategie und offener Schnittstellen.
- Transparenz über den Bearbeitungsstand schaffen. 85 Prozent wollen den Stand ihres Antrags jederzeit online sehen.
- Nachnutzung vor Neubau. Skalierbare, nachnutzbare Lösungen sind der Hebel, um die Fläche zu erreichen.
Susanne Wagner fasst ihren Eindruck von der Messe so zusammen:
„KI ist in der öffentlichen Verwaltung angekommen. Jetzt geht es darum, die Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig Fragen rund um Datensicherheit und digitale Souveränität zu klären. Gleichzeitig müssen wir auch bestehende Strukturen und Prozesse weiterentwickeln, damit die Digitalisierung wirklich etwas verändert.“
– Susanne Wagner, Head of Business Consulting bei Clatum
Unser Fazit
Die SCCON 2026 markiert einen Wendepunkt: Die Frage, ob KI in der Verwaltung eingesetzt wird, ist beantwortet. Die nächste Phase entscheidet sich an weniger glamourösen Themen: saubere Architekturen, belastbare Rechtsgrundlagen, gute Daten und Prozesse, die Mensch und KI klar Rollen zuweisen. Genau dort sehen wir in unseren Projekten zur Digitalisierung von Förderverfahren den größten Hebel.
Sie möchten diskutieren, was das für Ihr Haus bedeutet? Sprechen Sie uns an.
Quellen: Bitkom (Oktober 2026), IT-Planungsrat, Bundesregierung, DGUV, Bundesagentur für Arbeit







